Schüler forschen wie an der Universität

Unter der Anleitung von Lehrer Fabian Kreutel bewegen die Schüler die Pipette vorsichtig in das durchsichtige Gel, das einen Fluoreszenz-Farbstoff enthält. (rol)

Schon mal etwas von Fluoreszenz-Farbstoff, Polymerase-Kettenreaktion oder Short Tandem Repeats gehört? Die Schüler des Königsbacher Lise-Meitner-Gymnasiums schon. Zumindest die, die sich als Schülermentoren für Molekularbiologie engagieren.

Vorsichtig bewegen die Schüler die Pipette in das durchsichtige Gel, das zwar aussieht wie Wasser, aber etwas dickflüssiger ist und einen Fluoreszenz-Farbstoff enthält. Letzterer ist notwendig, denn später wollen die Schüler unter ultraviolettem Licht einen genetischen Fingerabdruck bestimmen. Damit sie das können, müssen sie eine blaue Flüssigkeit exakt in die winzig kleinen Taschen füllen, die sich im Gel in einer Kunststoff-Konstruktion befinden. Für das menschliche Auge unsichtbar, enthält die Flüssigkeit vervielfältigt einen Teil des Erbguts, der bei jedem Menschen vorhanden ist und sich individuell stark unterscheidet. Zwölf Schüler haben sich im Biologie-Raum des Königsbacher Lise-Meitner-Gymnasiums mit Fachlehrer Fabian Kreutel getroffen, alle freiwillig, aus eigenem Antrieb und in ihrer Freizeit. Die Aktion findet außerhalb des Unterrichts statt, an einem Mittwochnachmittag kurz vor Weihnachten. Als Mentoren geben die Gymnasiasten ihr Wissen an zahlreiche andere Schüler aus der ganzen Region weiter: unentgeltlich und ehrenamtlich. Denn das Königsbacher Gymnasium ist Stützpunktschule für Molekularbiologie: die einzige in Pforzheim und dem gesamten Enzkreis und eine von nur sieben im Bezirk des Regierungspräsidiums Karlsruhe.

Um die Jahrtausendwende ins Leben gerufen, sollen die Stützpunktschulen die Molekularbiologie möglichst vielen jungen Menschen zugänglich machen. Denn das dafür notwendige Equipment ist so teuer, dass es nicht jede Bildungseinrichtung anschaffen kann. Schon früh hat man erkannt, was Lehrer Fabian Kreutel bei seiner Arbeit immer wieder feststellt: „Die Molekularbiologie ist so bedeutsam, dass sie an die Schulen gehört.“ Zusammen mit einer Kollegin betreut der Lehrer am Königsbacher Gymnasium das Projekt, das von Anfang an darauf setzte, ältere und besonders engagierte Schüler aktiv einzubeziehen: als Mentoren, die die Lehrer unterstützen und den Teilnehmern beim praktischen Arbeiten helfen. Damit sie das können, müssen sie nicht nur besonders gut in den Fächern Biologie und Chemie sein, sondern auch eine Ausbildung absolvieren. In der Regel empfehlen die Fachlehrer der zehnten Klassen besonders geeignete Kandidaten, die Kreutel dann über das Programm informiert. „Unterm Strich ist es Begabten-Förderung“, sagt der Lehrer, der nur die aufnimmt, die „wirklich etwas draufhaben“. Denn bei der Ausbildung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) werden die Zehntklässler mit Inhalten konfrontiert, die sich auf Leistungskurs-Niveau bewegen und laut Bildungsplan erst drei Jahre später dran wären, wenn überhaupt.

„Da kann man nur die besten Köpfe hinschicken“, sagt Kreutel, der als Jugendlicher selbst Schülermentor am Königsbacher Gymnasium war und aus eigener Erfahrung weiß, wie anspruchsvoll die vier Tage dauernde Ausbildung ist. „Die das durchhalten, die wollen das wirklich.“ Kreutel freut sich, dass er immer genug geeignete Kandidaten findet, obwohl die Tätigkeit als Schülermentor mit großem persönlichem und zeitlichem Einsatz verbunden ist. Zwei bis vier neue Mentoren werden pro Schuljahr neu ausgebildet. Insgesamt gibt es am Königsbacher Gymnasium aktuell gut ein Dutzend, die zwei- bis dreimal pro Jahr im Einsatz sind. Dann verbringen sie den ganzen Mittwochnachmittag damit, anderen Schülern komplexe Sachverhalte näherzubringen. Während Kreutel oder seine Kollegin die Versuche erklären und die Unterrichtseinheiten leiten, leisten die Schülermentoren praktische Hilfe bei den Experimenten. Dabei haben sie es jedes Mal mit einer anderen Klasse zu tun, die sie oft nicht kennen. Denn neben den eigenen Biologie-Leistungskursen kommen etliche Schulen aus der gesamten Region ans Königsbacher Gymnasium, nach Möglichkeit am Mittwochnachmittag, weil dann die notwendigen Räumlichkeiten frei sind. Kreutel berichtet von einem großen Interesse: „Teilweise kommen schon am Schuljahresanfang im September Anfragen für den Juni.“ Früher haben die Schulen oft zwei Termine absolviert: einen zum Bestimmen des genetischen Fingerabdrucks, den anderen zum Nachweis von HI-Viren. Inzwischen ist es nur noch einer, weil das Interesse an der Immunbiologie nachlässt: Das Thema ist nicht mehr für das Abitur relevant.

Insgesamt haben die Laborleiter der sieben Stützpunktschulen vier Praktika festgelegt, die theoretisch machbar wären. Kreutel fände es schön, wenn künftig in Königsbach neben dem genetischen Fingerabdruck auch die anderen drei Themen gefragter wären. Doch so wirklich daran glauben will er nicht. Aktuell ist der Lehrer zusammen mit den anderen Laborleitern dabei, innerhalb der bereits existierenden Praktikums-Konzepte die Palette zu erweitern, nicht zuletzt mit Blick auf ethische Bewertungen. Unter anderem sollen sich die Schüler künftig mit der Frage befassen, ob sie durch einen Test herausfinden wollen würden, ob sie an der tödlich verlaufenden Erbkrankheit Chorea Huntington leiden. Schon 2003 ist das Königsbacher Gymnasium zur Stützpunktschule für Molekularbiologie geworden, damals auf Initiative von Lehrer Rico Lippold, der inzwischen beim Regierungspräsidium als Fachbereichsleiter arbeitet. „Für uns ist das ein wertvolles Angebot“, sagt Direktor Hartmut Westje-Bachmann, der viele Vorteile aufzählen kann. Etwa den direkten Kontakt zur Universität, das Erlernen von Selbstständigkeit und das Erweitern des eigenen Horizonts. Doch der Direktor sieht auch die sozialpädagogische Komponente: Als Mentoren lernen die Schüler, auf andere Menschen zuzugehen, mit angemessener Unterstützung auf ihr Vorwissen zu reagieren und sich durchzusetzen, wenn notwendig.

„Die Schüler erfahren Selbstwirksamkeit, wenn sie anderen etwas beibringen können, weil sie die Fähigkeiten und das Wissen dafür haben.“ Westje-Bachmann weiß, dass die Schülermentoren von ihrer Tätigkeit beim Abitur profitieren: sowohl durch einen Wissensvorsprung bei den Prüfungen als auch durch eine Urkunde des Regierungspräsidiums. Als Belohnung für ihren Einsatz fahren die Königsbacher Schülermentoren einmal im Jahr an die Universität Heidelberg, um eine eigens für Schüler konzipierte Vorlesung eines renommierten, international führenden Wissenschaftlers zu erleben und hinterher mit den Dozenten und Professoren der Universität auf Augenhöhe über die Inhalte zu diskutieren. Kreutel weiß: „Für die Schüler ist das eine echte Auszeichnung.“ Der Lehrer freut sich, dass die Lautenschläger-Stiftung das Projekt durch eine großzügige Förderung unterstützt. Denn die Gerätschaften und Forschungs-Kits sind teuer. Durch die Förderung können alle Schüler an dem Projekt teilnehmen, unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten der jeweiligen Schulträger. Doch die vor kurzem gegebene Zusage der Lautenschläger-Stiftung gilt nur für drei Jahre. Dann brauchen die Stützpunktschulen einen neuen finanzkräftigen Unterstützer. – Nico Roller