Wenn Begegnung bildet – Gedanken zum diesjährigen Paris-Austausch 2026

„Ich stecke mir einen Knopf ins Ohr und mein Telefon übersetzt“ oder „Und dann kann er noch nicht mal ein Eis auf Französisch bestellen, wenn er in den Urlaub geht“ – mit diesen zugespitzten Bemerkungen wurde in der Vergangenheit wiederholt die Zukunft des Fremdsprachenlernens infrage gestellt. Wenn Technik Verständigung scheinbar mühelos ermöglicht, so die dahinterstehende These, verliere das aufwendige Erlernen einer zweiten Fremdsprache an Bedeutung.
Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen gewinnt die Erfahrung eines Schüleraustauschs eine besondere Relevanz. Denn was geschieht, wenn Jugendliche nicht nur „verstehen“, was gesagt wird, sondern sich in einem anderen Land bewegen, in einer fremden Familie leben, ihren Alltag teilen und Beziehungen aufbauen?
Genau diese Erfahrung machten 20 Schüler*innen der 11. Klassen beim Austausch mit dem Lycée Hélène Boucher in Paris – zunächst Anfang Februar als Gastgeberinnen und Gastgeber hier bei uns in Königsbach, einige Wochen später, Ende März, als Gäste in der französischen Metropole.
Die gemeinsame Zeit war intensiv und vielfältig. Dazu zählten unter anderem die im Vorfeld sorgfältig geplanten Unternehmungen wie ein Spaziergang auf dem Baumwipfelpfad in Bad Wildbad, die Besichtigung des Porsche-Museums und der Staatsgalerie in Stuttgart sowie ein Besuch im ZKM in Karlsruhe.
Auch in Paris folgte ein Highlight dem nächsten:
„Während unseres fünftägigen Aufenthalts in Paris haben wir viele bekannte Sehenswürdigkeiten wie die Notre-Dame, den Eiffelturm, den Louvre, das Musée d’Orsay sowie den Triumphbogen besichtigt. Uns hat vor allem der Louvre fasziniert, da selbst nach zwei Stunden noch unglaublich viel unentdeckt geblieben ist.“
Doch der Kern eines solchen Austauschs liegt vielleicht noch etwas tiefer – in den Erfahrungen, die Jugendliche machen, wenn sie ihr gewohntes Umfeld verlassen und sich auf ein anderes Leben einlassen.
Für viele bedeutete dies, sich auf neue familiäre Strukturen einzustellen. Das Leben in einer Gastfamilie verlangt Anpassungsfähigkeit: andere Essgewohnheiten, andere Tagesabläufe, andere Erwartungen.
„Auch das Familienleben war anders, als ich es kenne. Die Eltern waren oft arbeiten und deshalb nicht so viel zu Hause. Dadurch gab es nur selten Momente, in denen wir alle zusammensaßen und uns länger unterhalten haben.“
Hinzu kam der schulische Kontrast, der für viele besonders eindrücklich war. Unsere Schülerinnen und Schüler erhielten Einblicke in einen deutlich längeren Schultag:
„Besonders anstrengend fanden wir die langen Schultage. Einmal haben wir die letzte Stunde von 17 bis 18 Uhr besucht und fanden es schon schwierig, sich zu dieser Uhrzeit noch zu konzentrieren. Die Schüler*innen mussten dabei die ganze Zeit aufmerksam zuhören und selbstständig die wichtigsten Informationen mitschreiben. Besonders gut gefallen hat uns jedoch die lange Mittagspause. In dieser Zeit essen fast alle gemeinsam in der Kantine, was wir sehr schön fanden.“
Auch der Gegensatz zwischen ländlichem Raum und Metropole wurde unmittelbar erfahrbar. Die Überschaubarkeit unseres Schulstandorts steht im Kontrast zur Dynamik und Vielfalt einer Großstadt wie Paris.
„Ich freute mich schon wieder ein bisschen auf die Ruhe zuhause.“
Darüber hinaus stellten sich den Jugendlichen auch persönliche Herausforderungen. Es erforderte Mut, eigene Bedürfnisse zu formulieren, bei Unklarheiten nachzufragen und sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. In solchen Situationen lernten sie, für sich einzustehen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Gleichzeitig setzten sie sich damit auseinander, wie sie auf andere wirken und wie Missverständnisse entstehen und geklärt werden können.
Nicht zuletzt spielte auch die Sprache eine besondere Rolle. Auch wenn im Alltag häufig auf Englisch ausgewichen wurde, entstanden gerade in den Familien Situationen, in denen Französisch gesprochen werden musste. Diese Momente waren nach langen Tagen voller Eindrücke oft herausfordernd, aber besonders wertvoll, da sie die Schüler*innen dazu anregten, sich aktiv einzubringen.
Der Austausch zeigt eindrücklich: Ob man im Urlaub ein Eis auf Französisch bestellen kann, ist vermutlich nicht entscheidend. Sprache ist weit mehr als ein Mittel zur reinen Informationsübertragung. Sie ist eingebettet in kulturelle Kontexte, in zwischenmenschliche Beziehungen und in – oft unausgesprochene – Regeln des Zusammenlebens. Entscheidend ist, wie man sich – auch nonverbal – ausdrückt, wie man wirkt und wie man auf andere eingeht.
Wir Lehrerinnen auf deutscher wie auf französischer Seite blicken auf eine planungsintensive und bereichernde Zeit zurück.
Lena Kunzmann und Katharina Ruder