Der gelbe Luftballon kehrt zurück

Lebendig und authentisch erzählt Stefanie Wally von Freundschaft und Hoffnung, an eben jener Stelle, an der sie früher als Lehrerin mit der Theater-AG zahlreiche Stücke inszeniert hat. (rol)

Mit ihrer persönlichen Geschichte über die deutsche Teilung ist Stefanie Wally bundesweit unterwegs. Früher hat sie am Königsbacher Gymnasium unterrichtet. Vor kurzem ist sie an ihre ehemalige Schule zurückgekehrt – mit einer wichtigen Botschaft.

Mit einer Hand hält Stefanie Wally den gelben, mit Gas gefüllten Ballon in der Hand. Genauso wie damals, im März 1977, als sie sechs Jahre alt war und beim Sommertagsumzug in ihrer Stadt dem Verkäufer selbstbewusst mitteilte, welche Farbe sie haben will. Wallly weiß noch genau, wie „ehrfurchtsvoll und glücklich“ sie war, als der Ballon anschließend immer höher in den Himmel stieg. In diesem Moment ahnte sie noch nicht, dass er mit der angehängten Grußkarte in drei Tagen mehr als 500 Kilometer zurücklegen und hinter dem Eisernen Vorhang landen würde: in der sogenannten DDR, in der ihn ein älterer Herr fand und seiner ebenfalls sechs Jahre alten Enkelin brachte. Bis zum Mauerfall haben sich die beiden Mädchen anschließend geschrieben, drei- bis viermal pro Jahr, immer zu wichtigen Anlässen wie Weihnachten, Geburtstagen und Urlauben. Gespannt hören die Zehntklässler des Königsbacher Lise-Meitner-Gymnasiums zu, als Wally ihnen davon erzählt. In der Aula der Schule auf der Bühne zu stehen und aus ihrem Buch zu lesen, ist für sie „ein ganz besonderer Moment“. Denn sie war selbst 15 Jahre Lehrerin am Königsbacher Gymnasium, unter anderem für Deutsch, Geschichte und Wirtschaft. Als Leiterin der Theater-Arbeitsgemeinschaft inszenierte sie mit den Schülern zahlreiche Stücke – genau an der Stelle, an der sie auch bei ihrer Lesung steht.

Unterhaltsames wie „Hairy Affairs“ haben sie damals auf die Bühne gebracht, aber auch schwere Kost wie Sophie Scholl und selbstgeschriebene Stücke. Oft hat sie im Unterricht ihre eigene Geschichte genutzt, um den Schülern zu erklären, wie das Leben im geteilten Deutschland war. Denn Wally weiß: „Die persönliche Ebene macht es greifbarer.“ Letztlich waren es ihre Königsbacher Schüler, die sie dazu ermutigten, ihre Geschichte aufzuschreiben, zu veröffentlichen und einem großen Publikum bekannt zu machen. Inzwischen ist die ehemalige Lehrerin in der ganzen Republik unterwegs: mit ihren Lesungen, mit einem Theaterstück, manchmal auch mit einem Kollegen, der Ähnliches erlebt hat. Wally will die Menschen anstecken mit dem grenzüberschreitenden Friedens- und Freiheitsgedanken, an den sie nach wie vor fest glaubt. In der Aula des Königsbacher Gymnasiums appelliert sie an die Zehntklässler: „Nehmt Eure Freiheit nicht für selbstverständlich, denn sie ist es nicht.“ Für Wally ist die Bundesrepublik „ein großartiges Land“, das man nicht opfern sollte für Spaltung, Hass und Hetze.

Viele stellen hinterher noch Fragen, einige lassen sich auch ein Buch signieren. „Die Schüler waren sehr interessiert“, sagt Wally, die an alle Schularten geht. Denn sie will möglichst viele junge Menschen erreichen – gerade in einer Zeit, in der immer weniger wissen, was die Stasi war und wie unerbittlich die DDR-Diktatur gegen alles vorging, was ihr nicht in den Kram passte. „Wir Älteren haben diese Zeit noch miterlebt“, sagt Direktor Hartmut Westje-Bachmann: „Aber für die Jugendlichen ist das ganz weit weg.“ Den Austausch mit Zeitzeugen wie Wally hält er allein schon deshalb für wertvoll, weil er eine andere Perspektive ermöglicht. „Es macht einen großen Unterschied, ob wir Lehrer das erzählen oder ein Zeitzeuge.“ Zumal Wally bei ihrer Lesung originale Bilder zeigt und einige Stellen aus den Briefen liest, die sie über all die Jahre aufbewahrt hat. Mit ihnen gewährt sie einen lebendigen Einblick in eine Zeit, die die vor ihr sitzenden Schüler bestenfalls aus dem Geschichtsbuch kennen.

Die ehemalige Lehrerin berichtet von Mut, Zivilcourage, Hoffnung und Zuversicht, obwohl die beiden Mädchen eine unpassierbare, mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Todesstreifen gesicherte Grenze trennt. Sie weiß noch genau, wie sehr sie sich 1977 als Sechsjährige über die Antwort aus der sogenannten DDR gefreut hat. „Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ Wie rigoros die SED ihre Bürger überwachen ließ, wie schlimm die Folgen schon bei kleinsten Abweichungen sein konnten, das erfährt sie erst später, als sie älter wird. Einmal schreibt ihre Freundin, dass sie ihre Wunschausbildung nur machen kann, wenn sie in die Partei eintritt. Ein anderes Mal verschwindet eine selbst aufgenommene Kassette aus dem Paket. Die Schüler erfahren von Westpaketen, von Intershops, von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und von der Jugendweihe, die man feiern musste, bevor man zur Konfirmation durfte. Gern hätte Wally ihre Freundin zu diesem besonderen christlichen Fest besucht, doch sie bekam keine Erlaubnis. Erst Jahre später, während einer Klassenfahrt nach Berlin, konnten sich die beiden Mädchen treffen. Beim Abschied wussten sie nicht, ob sie sich je wieder sehen würden. – Nico Roller